Letters from a Wine Maker’s Wife

Die beste Art und Weise Trauben zu ernten – maschinell oder manuell?

Wenn immer ich den Beruf meines Mannes erwähne, scheint die romantische Vorstellung der Weinlesezeit in den Köpfen meines Gegenübers zu erblühen. Gut gelaunte, lachende und emsig plauschende Leser stehen auf einem sanft abfallenden Hügel mit wolkenlosem, stahlblauem Himmel und genießen während des Traubenpflückens die wärmenden Sonnenstrahlen des Spätherbstes.

Obgleich diese Vorstellung nicht ganz falsch liegt, würde eine genauere Betrachtung zu den Schluss zulassen, dass diese Zeiten eventuell schon etwas hinter uns liegen und für all jene, die Clochemerle von Gabriel Chevallier (eine grossartige Darstellung des Dorflebens und der Politik in der Burgund der 1930er) gelesen haben, die Existenz dieser Harmonie überhaupt bezweifeln. Trotz der zahlreichen Besuche in den Weinräumen und der Kellerei sorgt die Meldung, dass wir auch mit der Maschine lesen für Überraschung. Mit einer Meldung platzt dann sogleich die wundervoll selbstgemachte Seifenblase des Gegenüber.

Nun stellt sich die Frage was ist besser? Ist die Maschinenlese besser? Die Antwort ist fast immer ja, aber manchmal ist die Handlese doch im Vorteil. Verwirrung ist vorprogrammiert!

Was bedeutet Handlese?

Für eine manuelle Lese oder Handlese wird ein Team von Menschen benötigt, die mit Lesescheeren und Scheibtruhen bzw. Kübeln ausgestattet die Trauben von den Reben schneiden. Diese werden dann in ein grösseres Gebinde gekippt und in die Kellerei zur Weiterverarbeitung transportiert. Abhängig von der Traubensorte, Laubwand und Qualitätserwartung kann ein Leser zwischen 400 und 700kg pro Tag lesen.

Was bedeutet Maschinenlese?

Für die Maschinenlese kommt entweder eine selbstfahrende Maschine oder in unserm Fall eine vom Traktor gezogene Lesemaschine zum Einsatz. Das U-förmige Gerät fährt über die Rebzeile und versetzt den Stock mittels Rüttelstäbe in Schwingung, so dass die Beeren abfallen. Diese werden von einem Förderband aufgefangen, etwaige Blätter abgeblasen und unreife oder unerwünschte Elemente über einen Sortiertisch selektiert. Die Trauben fallen in einen der zwei Behälter der Maschine und werden dann zum Weitertransport in 400kg Boxen auf Anhänger gekippt.

Die Herausforderung der Handlese

Die Handlese kann langsam sein und ist meist recht unflexibel. Es bedarf einer grossen Anzahl von Lesern (in unserem Fall bis zu 30 Lesern), militärischer Organisation und Logistik um optimale Ergebnisse zu erzielen. Sprachbarrieren sind im übrigen hier ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Bei plötzlichen Wetterumschwüngen sind rasche Entscheidungen gefragt, doch nicht immer allzu einfach. Handelt es sich lediglich um einen kurzen Regenguss und wird nur schnell pausiert? Was machen wir mit den Lesern bis sich die Regenwolken wieder verzogen haben? Senden wir die Leser nach Hause? Wie geht man mit den Lesern um falls zunächst nur früh reifenden Trauben gelesen und dann erste wieder nach 2 Wochen spät reifende Sorten gelesen werden?

Zum Glück gibt es Firmen, die qualifizierten Arbeitskäfteeinsatz bieten. Diese arbeiten mit unterschiedlichen Winzern und Weinbaugebieten zusammen um in Spitzenzeiten helfend zur Seite stehen. Ein geteiltes Problem ist aber kein gelöstes, denn die oben angedeuteten Herausforderungen bleiben. Darüber hinaus wird es zunehmend schwieriger und teurer gut qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, die auch Arbeitseinsatz zeigen.

Die Annahme, dass eine Lese von Hand ein qualitativ besseres Ergebnis bringt, ist nicht immer richtig. Dies würde nämlich stets hochqualifizierte, fokussierte und motivierte Leser zu Grunde legen, die über einen ganzen Arbeitstag dieselbe Sorgfalt walten lassen. Management und finanzielle Anreize spielen zwar eine Rolle, doch die Zahlung nach Stunden oder Menge führt in ein prinzipielles Witschaftsdilemma, das unabhängig von Zeit und Wirtschaftszweig seit jeher besteht.

Ein weitere Punkt, der gerne übersehen wird ist die Geschwindigkeit der Traubenverarbeitung in der Kellerei. Naturgemäss hängt dies vom Mix der Rot- und Weissweintrauben ab, dessen Verarbeitung durch den Pressvorgang mehr Zeit in Anspruch nimmt. Die Handlese dauert wesentlich länger als die Maschinenlese und so kann die erste Presse frühestens am späten Vormittag befüllt werden um nach ca. 3,5 bis 4 Stunden wieder zu starten. Der dritte Pressvorgang inklusive Entleerung und Reinigung erfolgt dann nachts und obliegt meist dem Eigentümer selbst, dem die Frische und Fokus der Mitarbeiter am nächsten Tag genauso am Herzen liegt wie die Geringhaltung von exorbitant teuren Überstunden.

Die Vorteile der Handlese

Die Handlese ist vor allem in Steillagen und in Jahrgängen von Vorteil, die ein hohes Mass an Selektion auf Grund von Fäulnis erforderlich machen. Die Maschine stösst bei Wasser gesättigten Böden auf Grund des Eigengewichts und bei Selektionsaufgaben, die über die Möglichkeiten der sich an Bord befindlichen Sortiereinheit gehen, an ihre Grenzen. Junge Anlagen sollten ebenso wenig mit der Maschine gelesen werden wie auch Rosé oder Spezialanlagen, deren Reihenauslegung mit der Maschine nicht befahrbar sind. Daher verwenden wir in der Praxis sowohl Hand- als auch Maschinenlese. Zweigelt zum Beispiel weist in manchen Jahren die sogenannte „Zweigelt Krankheit“ auf, bei der die Zuckereinlagerung der Beere den umgekehrten Weg in die Pflanze nimmt und somit für ein Schrumpfen der Beeren und Veränderung der Beerenhaut sorgt. Die Selektion dieser Trauben durch geschulte Mitarbeiter ist dabei schwerlich von der Maschine zu ersetzen.

Der Vorteil der Maschinenlese

Der Hauptvorteil der Maschinenlese liegt im Kontrollgewinn. Eine grosse Menge an Trauben kann zum optimalen Zeitpunkt präzise und flexibel rund um Wettergegebenheiten geerntet werden. Selbst das Lesen in frühen Morgenstunden oder bei Nacht ist ohne weiters möglich ohne mit einer Unzahl von Handlesern kommunizieren zu müssen. Dadurch können kleine Teams von Handlesern gebildet werden, die wesentlich einfacher zu dirigieren sind und auch andere Funktionen am Weingut wahrnehmen können, falls das Wetter plötzlich umschlägt. Die Lesemaschine bietet eine Vielzahl an Einstellungsmöglichkeiten um den Lesevorgang qualitativ zu optimieren, weshalb man Christof sehr oft am Lesebehälter der Maschine hängend sehen kann. Christof Lese Maschine Er steuert eine Vielzahl von Parametern der Maschine (Rüttelfrequenzen. Klemmung, Rüttelweg, Sortierung usw.), gibt die Daten und Änderungen an den Fahrer weiter und verfeinert die Abstimmung bei jeder Sorte und Weingarten um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Dieses „finetuning“ dient besonders der Vermeidung von Grünanteilen (Blatt, Stiel, Rappen) beim Rotwein und stellt einen elementaren Baustein der Weinqualität dar. Für die Kellerei die mit der Maschine liest bedeutet dies: Eine höhere Lesegeschwindigkeit führt zu effizienter laufenden Prozessen im Keller und einer besseren Auslastung der vorhandenen Maschinen über den ganzen Tag. Eine Verringerung von langen Nächten führt zu besseren Entscheidungen, höherem Energiehaushalt und schließlich besseren Weinen.

Was ist nun die beste Lösung?

Ich hoffe mit dem oben beschriebenen aufgezeigt zu haben, dass es „die beste Lösung“ per se nicht gibt. Jede Methode erfüllt ihren Zweck und für uns am Weingut Höpler beweist sich der Einsatz von Lesemaschine und Handlese als bestmögliche Lösung. Manche Weingüter vermeinen, dass ihr Weg „der richtige“ sei und implizieren damit den anderen Weg als falsch. Diese Betrachtung ist allerdings kurzsichtig. Jede Weinbauregion hat eine unterschiedliche Struktur, Klima und arbeitsrechtliche Voraussetzungen was naturgemäss zu unterschiedlichen Entscheidungen führt. Vor 20 Jahren machte der hohe Preise der Lesemaschine keinen wirtschaftlichen Sinn und erst als die Amortisationsdauer unter 10 Jahre gesunken und der Leseprozess inklusive Selektion technisch ausgereift war, haben wir uns für einen Kauf entschieden. Diese Kosten sind für ein kleines Familienunternehmen substanziell, doch nach mittlerweile 4 Jahren sind wir von unserer Entscheidung ein Hybrid Modell aus Lesemaschine und Handlese zu fahren stärker denn je überzeugt.

Auf dem Blid drücken um ein Clip von unserer Lese Machine beim fahren zu sehen.

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